Zu Gast im Bundestag. echt.Im Glauben wachsen war im Gespräch mit dem Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich.
Thorsten Riewesell: Frank Heinrich, vom Heilsarmee-Offizier zum Politiker: Ist dieser Werdegang inhaltlich logisch und schlüssig? Konntest du, konnte deine Familie dem Weg so gleich zustimmen?
Frank Heinrich: Also, inhaltlich ist er logisch, aber auf meine Person bezogen. Nicht, dass ein Heilsarmee-Offizier automatisch da landen müsste. Ich verkörpere das ja als Erster. Aber in meiner Geschichte ist es so gewesen, dass ich mein Amt immer als Stimme verstanden habe, sowohl für den Einzelnen als auch dann in der Straße, in der Gesellschaft, für die Gemeinde. Das kann natürlich dann auch da landen, dass man auf einmal für sein Gemeinwesen sprechen darf – und nichts anderes bin ich ja jetzt.
Die Familie konnte dann auch sehr gut damit. Meine Frau hat auch sehr positiv reagiert, als ich diesen Vorschlag das erste Mal gemacht habe. Das hatte ich so gar nicht erwartet.
TR: Sie ist auch jetzt immer noch glücklich damit?
FH: Jaa … ich habe sie jetzt eine Woche nicht gesehen oder zwei. Von daher müsste sie noch mal konkret fragen, so auf jetzt bezogen, aber soweit ich weiß, ja.
TR: „Suppe, Seife, Seelenheil“, das ist das Motto der Heilsarmee. Welche Schlagworte drücken jetzt deine Arbeit als CDU-Bundestagsabgeordneter aus?
FH: Das runter zu brechen auf Schlagworte … Ich habe das für mich im Stadtteil runtergebrochen als neue Schlagworte, auf „Begegnung, Familie und Arbeit“. Das sind drei Schlagworte, die mir jetzt natürlich für meine Arbeit auch ganz, ganz wichtig sind.
Und das würde ich auch gerne als Schwerpunkt machen, alles was mit Familie zu tun hat. Und dabei will ich nicht nur sagen „Vater, Mutter und zwei Kinder“ – die Familienstrukturen haben sich geändert - aber dieser Zusammenhalt, und dann dieses Begegnen verschiedenster Kulturen, verschiedenster Leute in unserer Gesellschaft. Und dann Arbeit: Es steht und fällt ganz viel damit – und das bisschen politisch – ob Leute in Arbeit sind und damit auch Würde haben, für das zu arbeiten, was sie am Abendbrottisch zu sich nehmen.
TR: Vielen Leuten ist das „C“ der CDU viel zu wenig politisch auch präsent. Wie viel „C“ ist in einem pluralistischen Deutschland überhaupt umsetzbar, wie viel Christus?
FH: Ja, das ist eben die Frage, ob das „C“ für Christus steht oder für christlich. Im Namen steht es für „christlich“. Und damit müsste ich die Frage, wenn es um Christus geht, tatsächlich den einzelnen CDU-Täter, egal in welcher Ebene, fragen. Das ist auch berechtigt. Aber in erster Linie geht es um die Leitlinien, die Positionierung zum Weltbild und zum Menschenbild der am Anfang der katholischen Soziallehre und den christlichen Menschenbilds. Da muss sich jemand eindeutig zu positionieren. Und wenn dann noch Christus in dem Leben eine Rolle spielt und nicht nur platt an der Oberfläche oder im Namenszug im Kirchenregister, dann verkörpert derjenige das auch noch. Das kommt mir manchmal zu kurz.
Politisch halte ich es für problematisch, wenn man Politik „christlich“ nennt. Der Anspruch, das Herangehen und das gemeinsame Etwas-bewegen-wollen, kann sehr wohl christlich sein. Aber die Positionierung halte ich manchmal für zu hoch gegriffen.
TR: Wo wäre für dich die Schmerzgrenze für einen Kompromiss? Was kann, was muss man mittragen? Wo muss man auch aussteigen? Wie hoch ist die Freiheit, der persönlichen Überzeugung auch folgen zu dürfen?
FH: Ja, da wird’s schwierig. Ich glaube, dass der Einzelne sein Gewissen, seinen Puls da sehr gut fühlen muss. Es gibt wenig Themen, die generell gewissensbehaftet sind, die generell ans Gewissen gehen.
Aber dann kommt noch dazu, wenn man sich mit einer Meinung nach außen einmal sehr deutlich geäußert hat. Das zurückzunehmen bedarf entweder einer gravierenden Erklärung, dass neue Fakten aufgetreten sind, die das auch erklären, oder ich muss die alte Meinung behalten, auch möglicherweise gegen die Partei. Ich selber habe das gerade heute bei dem Kompromiss zum Energiegesetz deutlich gemacht. Ich hatte vor Jahren immer wieder gesagt, ich möchte den Ausstieg aus der Atomkraft. Und jetzt kam’s drauf an. Meine Partei wollte es anders und ich bleibe bei meiner Überzeugung; nicht nur bei meiner Überzeugung, sondern auch bei meinem Votum. Aber – das ist das Überraschende – diese Freiheit ist mir an keiner Stelle genommen worden. Ich war loyal, habe es früh genug gesagt, dass man sich drauf einstellen konnte, aber ich wurde an keiner Stelle benachteiligt. Man hat mir auch den Puls gefühlt, ist es wirklich Gewissen, weil ich mein Wort gegeben habe, aber es ist nicht klein geredet worden. Ich war nicht in die Ecke gestellt. Es ist sehr viel freier und sehr viel weniger Koalitionszwang, als man im Volk manchmal denkt.
TR: Wenn du dir die christliche Gemeindelandschaft anschaust: Würdest du dir wünschen, dass mehr junge Menschen in die Parteien und Gremien gehen, um gesellschaftliche Themen anzusprechen?
FH: Generell die Parteienlandschaft: JA! Ich wünschte mir, dass sich Leute fragen, „an welcher Stelle brennt dein Herz?“ oder „für welche Gruppe brennt dein Herz?“ und sich dort christlich engagieren. Wie viel, müssen sie ausmachen mit sich, mit ihren Kräften, mit ihrer Familie und mit ihrer Gemeinde. Möglicherweise ist ein Gemeindeprogramm weniger hilfreich, um ein anderes Programm nehmen zu können. Aber das heißt Parteien - ich sage plural, ich könnte fast jede auf gewisse Weise empfehlen (bewusst sage ich fast) – ich sage Organisationen, wie Greenpeace oder Attac oder andere Organisationen, die sich entweder lokal oder weltweit einsetzen für bestimmte Anliegen. Da wünschte ich mir mehr Engagement, Mut nach außen (auch in die Gemeinden, das zu bekennen) und Sitzfleisch, tatsächlich solange dabei zu sein, bis das, was man gerne sagen will, auch gehört wird.
TR: Gibt es hilfreiche Tipps, die du jungen Leuten, die in die Politik einsteigen wollen, geben könntest? Oder gibt es so Fettnäpfe oder politische Kreise, die man umgehen sollte?
FH: Nein! Wenn ich Tipps geben würde – ich bin ja Quereinsteiger gewesen – und ich könnte meine Geschichte bestimmt nicht wiederholen. Deshalb kann ich das auch nicht als Modell machen. Aber sich einbringen an ein bis zwei Stellen in der Gesellschaft, die nicht vielleicht christlich sind, aber mit der Haltung für die Menschen in meiner Straße, meines Ortes, meines Landes, das sehen Menschen. Und dann braucht man noch keinen Ton sagen. Und ich rate dazu, dass Leute nicht gleich die Frömmigkeit im Mund führen, nicht vorenthalten, aber dass man die nicht gleich plakativ macht. Die Leute haben damit Erfahrungen, Schwierigkeiten und man wird dann doch irgendwann gefragt „Was für einer Firma entstammst du denn?“ und dann authentisch dazu zu stehen. Eher sollte man die Themen fleißig, wissenschaftlich gut zu bearbeiten, dann wird man auch auf anderer Ebene gehört, aber es nicht deshalb zu tun. Dabei ganz echt zu bleiben und von Anfang an keine Kompromisse zu machen. Man fragt ja manchmal, ob Politiker in meiner Ebene Kompromisse schließen müssen, die einen am Schluss innerlich nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Ich glaube, die Kompromisse liegen viel, viel früher. Und wenn ich im Kleinen nicht gelernt habe, bei der Wahrheit zu bleiben, bestimmte Prioritäten einzuhalten, dann kann ich es später auch nicht. Und umgekehrt stimmt es aber auch.
TR: Nun kommst du gerade von Südafrika zurück. Dort war der Lausanner Kongress für Evangelisation. Gibt es da Dinge und Ergebnisse, die du mit nach Hause nimmst, wo du sagst, das würdest du auch gerne mit in die Politik hineinnehmen? Neue Denkanstöße, die du einbringen möchtest?
FH: Also, für mich war dieser Kongress zwei- oder dreierlei hilfreich: Das eine war, das dort Themen behandelt wurden, die ich im Bundestag auch selber belegen soll, z.B. Menschenrechtsthemen, Themen, wie mit Arbeitslosigkeit umgegangen wird (ich bin im Ausschuss „Arbeit und Soziales“). Bei Menschenrechten ist es Religionsfreiheit, ist es HIV, ist es humanitäre Hilfe. Dies wurde aus den unterschiedlichen Perspektiven dort bewertet. Da habe ich ganz, ganz viel gelernt. Auch das neue Thema PID (Präimplantationsdiagnostik) war dort thematisiert – und sehr konstruktiv, aus fachlicher Perspektive und nicht einfach nur von jemand, der darüber redet. Fachlich nehme ich richtig was mit in meine Arbeit.
Und das zweite: Die Kirche Gottes, die Gemeinde Jesu Christi einfach mal so zu erleben, war begeisternd, die Vielfalt der Nationen (190 Länder), die Vielfalt der Religiosität, der Art und Weise. Wenn man dann einen Abendmahlsgottesdienst zum Schluss hat auf anglikanische Weise, aber das eben mit x-hundert Afrikanern, dann ist das hirnsprengend, einfach diese Couleur dabei zu haben.
Die dritte Seite ist die persönliche Begegnung. Und da habe ich auch Arbeit mitgebracht, auch für meinen Ausschuss, wenn ich mit Leuten aus Eritrea zu tun habe, die dann wiederum als Flüchtlinge in Libyen möglicherweise gefoltert werden bzw. massive Schwierigkeiten haben, wenn ich eine Koreanerin treffe, die früher in Nord- und jetzt in Südkorea wohnt und gerne sich dafür einsetzt, dass sie wieder zurück kann, ohne … dann betrifft mich das jetzt als jemand, der jetzt im Osten Abgeordneter ist, aber früher Wessi war. Und eben diese Begegnungen geben der Gemeinde Christi auf einmal auch noch Gesichter und die geben mir Aufträge. Ich mache die Aufträge nicht wegen der Theorie, sondern wegen der Menschen. Und das würde ich mir wünschen, dass viel mehr davon wahrgenommen wird, auch hier in Deutschland.
TR: Vielen Dank!
FH: Sehr gerne!
In der echt.Im Glauben wachsen 2.2011 werden wir zusätzlich ein Interview mit MdB Steffen Bilger veröffentlichen.